Das
"Grenzsyndrom", dass sich durch meine ersten Ausreisen aus
Spanien entwickelte, würde mit der Anzahl der Reisen allmählich
nachlassen, indem ich mich zu kontrollieren lernte, allerdings, ohne
dass es bis zum Tod des Diktators komplett verschwand.
Im Laufe der Zeit, in der ich die Grenze unter potentiell noch gefährlicheren
Umständen überqueren sollte, würde ich dies noch phlegmatischer
tun, und dies mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit, Fatalismus
und einem irrationellen Vertrauen in meinen Glücksstern, welches
in meiner Umgebung Erstaunen auslösen wird.
Dieses Verhalten erregte Bewunderung, weil es Frechheit oder Mut signalisierte.
Aber darauf war es bei mir nicht zurückzuführen, sondern auf
etwas eher Bescheidenerem: meiner eigenen Unfähigkeit, Möglichkeiten
anzunehmen, mein abergläubisches Vertrauen auf ein besonderes Schicksal.
Die frühere Verknüpfung meines Landes mit einer nebligen Idee
der Gefahr, einem Ort, wo ich ohne Grund verhaftet werden könnte,
würde vielleicht meine späteren, von Natur aus zwiespältigen
Beziehungen zu diesem Land erklären. Während meine europäischen
Kollegen mit naiver Gelassenheit durch die Welt gingen, ihr unveräußerliches
Recht bewusst ausübend, habe ich dies aber jahrelang in einem Zustand
der unterdrückter Anspannung gemacht; ständig mit der zum
Glück falschen Vorahnung, mich in den Schlund eines Wolfes hineinzuwerfen,
mich einem kannibalischen und saturnalen Gott (1) auszuliefern,
einem gnadenlosem Fresser seiner aufgeklärten Kinder.
Verstärkt wurden diese Gefühle durch meine Familien- und Kindheitserfahrungen,
zu einem in ewigem Bürgerkrieg befindlichem Land zu gehören,
dessen bösartige Abrechnungen unvermeidlich als Erbschaft weitergetragen
wurden.
Spanien symbolisierte für mich noch bis hoch in meine vierziger
Jahre weder ein Land der Geborgenheit und Gutmütigkeit, noch einen
Ort, der Interesse oder mindestens Gleichgültigkeit gegenüber
meinen Leistungen für die Sprache und Kultur zeigte, sondern einen
Ort der Feindschaft und Ablehnung, einer drohenden heimtückischen
Strafe.
Die von Diktaturen und totalitären Regimen hinterlassenen Narben
sind schwer auszuheilen. Der Heilungsprozess ist lang und nicht durch
den eigeen Willen beeinflussbar: bei mir zeigt es sich ganz klar daran,
dass ich mich zehn Jahre nach dem Tode Francos noch immer in Paris,
Marrakesch, New York oder Istanbul wohler fühle als in jenen Städten,
Orten und Schauplätzen, wo sich im Guten wie im Schlechten die
Gespenster und Ängste meiner Kindheit und Jugend abgespielt haben.
(1) Saturn war ein römischer Gott, der dadurch bekannt wurde, dass
er seine eigenen Kinder gefressen hat.
Traducido
por Ana Sanvisens y Detlef Zunker.