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Im April
1947 kehrte Anna Seghers aus dem mexikanischen Exil nach Berlin
zurück. Ihre Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie schwer es ihr
fiel, wieder in Deutschland heimisch zu werden. Allein, getrennt
von der Familie, ohne die Freunde, die durch die Nazis umgekommen
sind oder noch im Exil leben, leidet sie unter der Fremdheit und
der Kälte der Menschen. Ihre Briefe vermitteln den Eindruck,
dass sie sich in dieser Zeit als Exilantin im eigenen Land empfindet.
Brief am 12.06.47 an Kurt Stavenhagen, Freund,
deutsch-jüdischer Geschäftsmann mit großem Interesse
für Kunst, ebenfalls exiliert in Mexiko:
"Die Menschen sind
beängstigend fleissig [1]
und unternehmend, wie immer. Auf dem Land haben manche längst
abmontierte Fabriken sozusagen aus eigenen Mitteln und eigener
Geschicklichkeit wieder hergestellt, z. B. komplizierte Maschinen
aus zusammengebastelten Metallresten, die sie aus den Schutthaufen
zusammenklaubten. Ein Eifer, der teuflisch wirkt, da er auch für
den Teufel in Betrieb gesetzt wurde."
Brief an Erika Friedländer,
Freundin im schwedischen Exil und an ihren Mann, Lazlo Radvanyi
(ohne Datum, 1947):
"Ich sehne mich nach Eurem kleinen Paradies
Schweden. Dort war ich zum letzten, vielleicht sogar seit langem
zum ersten Mal glücklich. Einfach vergnügt. Das bin
ich hier natürlich nie. Paris war bitterernst. (Das ist es
ja bei Euch nicht.) ja, doch, dort war ich natürlich glücklich.
Bei Euch war ich grundlos glücklich. In Paris mit tiefen
Gründen. Da waren die Kinder. Die Freunde. Die Stadt, die
ich liebe. Das Volk, das ich liebe."
Was dieses Europa einen schönen Rand hat und ein unangenehmes
Mittelstück. ...[Unruhig] wird man hier überhaupt leicht,
denn jedes Alleinsein schlägt gleich in sonderbare Verlassenheit
um ..."
Brief ohne Datum (1947) Adressat unbekannt:
".Wann wird denn der Bäcker anfangen
nachzudenken, der zehnjahre lang vor seiner Bäckerei ein
Schild hängen liess, das ihn vor seinen Kunden als Mitglied
der NSDAP auswies, und nach dem Einmarsch der Russen ein neues
mit Blumen umranktes Schild anbrachte: "Es lebe der Bolschewismus".
(...) Ich war traurig, weil meine Sprache deutsch ist. Weil ich
in dieser Kultur und Sprache gross wurde."
Dass sie diese Empfindungen noch lange beschäftigen,
zeigt die nachstehende Passage aus ihrer Erzählung: "Der
Besuch", (1956):
"Die Ruinenstadt verschmolz mit dem
Abendhimmel, als ob sie noch immer schwele und rauche. Leer, düster
und hoffnungslos sahen die Menschen aus, die uns auf den Straßen
begegnet waren. Erbittert von ihrem Unglück. Am meisten von
dem Gedanken, sie könnten es selber verschuldet haben. Wir
hatten uns nach unserer Sprache gesehnt - es war eine harte, kahle
Sprache geworden. In der Fremde hatten wir Wort an Wort gesetzt,
damit uns ihr Klang nie verloren gehe. Sie hatte unser Heimweh
beruhigt - jetzt war es Nahweh. Die Heimat war in unserer Erinnerung
aufgeblüht, und jetzt in der Wirklichkeit war sie rauh und
grau."
Erstaunlich ist angesichts dieses Beginns
Anna Seghers Entwicklung zu einer der bedeutendsten Kulturrepräsentantinnen
der DDR über mehr als 25 Jahre. Die Widersprüchlichkeit
ihrer Gefühle in jener Zeit Deutschland gegenüber zeigt
sich auch darin, dass sie entgegen der Aufforderung ihrer Partei
die mexikanische Staatsangehörigkeit, die sie dort im Exil
angenommen hatte, noch bis weit in die 50er Jahre behielt.
[1]Die
orthographischen Abweichungen sind unkorrigiert übernommen.
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