Traducción del fragmento seleccionado en español

Zeit ihres Lebens wehrte Anna Seghers Fragen nach Einzelheiten aus ihrem Leben ab. Ein "Trauma", über das sie nicht einmal mit ihrer Tochter Ruth sprach, war für sie die Ermordung ihrer Mutter in einem Vernichtungslager der Nazis in Polen. Aus dem Exil in Mexiko hatte sie noch vergeblich versucht, die Mutter zu retten.

Allerdings haben manche ihrer Werke starke autobiographische Elemente. Dies gilt besonders für den im Folgenden präsentierten Roman "Transit", in dem auch der Verlust der Mutter verarbeitet wird. Viele Kritiker halten dieses Buch für die literarisch bedeutsamste Bearbeitung des Themas "europäisches Exil" in deutscher Sprache.

Wenig bekannt ist, dass die Erstveröffentlichung auf Spanisch unter dem Titel "Visado de Transito" in ihrem mexikanischen Exil erschien. Heute ist dieser Roman in spanischer Sprache nicht mehr zu erhalten. Wir würden es sehr begrüßen, wenn ein Verlag sich zu einer Wiederveröffentlichung entschließen könnte. Denn die Themen "Exil" und "Vertreibung" werden in der heutigen Zeit für immer mehr Menschen unfreiwillige Realität, und in Europa verblasst die Erinnerung an jene Epoche, in der viele seiner Bewohner den Kontinent auf der Flucht vor politischer Verfolgung verlassen mussten.

Beim Einmarsch der Deutschen im Juni 1940 öffnete sich der Schriftsteller und Arzt Ernst Weiß in seinem Hotelzimmer die Pulsadern.

Dass dank der Fürsprache Thomas Manns bei Roosevelt bereits ein Visum in die USA für ihn bereitlag, hatte er nicht mehr erfahren. Unmittelbar nach seinem Tod hatte Anna Seghers versucht, ihn in seinem Hotel zu besuchen. Diese Situation hat sie in dem nachfolgenden Abschnitt aus ihrem Roman verarbeitet.

Der Tod des Schriftstellers bzw. sein Weiterleben in der inneren Fixiertheit der Hauptpersonen des Romans auf ihn ist zentrales Motiv in "Transit". Anna Seghers hat das Buch in Frankreich während ihrer eigenen Flucht begonnen und in Mexiko beendet.

 

Mit Mutter

 

Ernst Weiss

 

 

«Das Hotel in der Rue de Vaugirard, schmal und hoch, war ein Durchschnittshotel. Die Patronin war über dem Durchschnitt hübsch. Sie hatte ein zartes, frisches Gesicht und pechschwarzes Haar. Sie trug eine weiße Seidenbluse. Ich fragte ganz ohne Überlegung, ob ein Zimmer frei sei. Sie lächelte, während mich ihre Augen kalt musterten. "Soviel Sie wollen." - "Zuerst etwas anderes", sagte ich, "Sie haben hier einen Mieter, Herrn Weidel; ist er zufällig daheim?"

Ihr Gesicht, ihre Haltung veränderten sich, wie das nur bei Franzosen zu sehen ist: Die höflichste unnachahmliche Gleichmütigkeit schlägt plötzlich, wenn da die Fäden reißen, in rasende Wut um. Sie sagte, ganz heiser vor Wut, aber schon wieder in den geläufigen Redensarten:

"Man fragt mich zum zweitenmal an einem Tag nach diesem Menschen. Der Herr hat sein Domizil gewechselt - wie oft soll ich das noch erklären?" - Ich sagte: "Sie erklären es jedenfalls mir zum erstenmal. Haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, wo der Herr jetzt wohnt." - "Wie soll ich das wissen", sagte die Frau. Ich merkte langsam, auch sie hatte Furcht, aber warum?

"Sein jetziger Aufenthalt ist mir unbekannt, ich kann Ihnen wirklich nicht mehr sagen." Den hat am Ende doch die Gestapo geholt, dachte ich. Ich legte meine Hand auf den Arm der Frau. Sie zog ihren Arm nicht weg, sondern sah mich an mit einem Gemisch von Spott und Unruhe. "Ich kenne ja diesen Mann überhaupt nicht", versicherte ich, "man hat mich gebeten, ihm etwas auszurichten. Das ist alles. Etwas, was für ihn wichtig ist. Ich möchte auch einen Unbekannten nicht nutzlos warten lassen."

Sie sah mich aufmerksam an. Dann führte sie mich in das kleine Zimmer neben dem Eingang. Sie rückte nach einigem Hin und Her mit der Sprache heraus.

"Sie können sich gar nicht vorstellen, was dieser Mensch mir für Unannehmlichkeiten bereitet hat. Er kam am 15. gegen Abend, als die Deutschen schon einzogen. Ich hatte mein Hotel nicht geschlossen, ich war geblieben. Im Krieg, hat mein Vater gesagt, geht man nicht weg, sonst wird einem alles versaut und gestohlen. Was soll ich mich auch vor den Deutschen fürchten? Die sind mir lieber als die Roten. Die tippen mir nicht an mein Konto. Herr Weidel kommt also an und zittert. Ich finde es komisch, wenn einer vor seinen eigenen Landsleuten zittert. Ich war aber froh über einen Mieter. Ich war ja damals allein im ganzen Quartier. Doch als ich ihm meinen Anmeldezettel bringe, da bat er mich, ihn nicht anzumelden. Herr Langeron, wie Sie ja wissen, der Herr Polizeipräsident, besteht streng weiter auf Anmeldung aller Fremden, es muß ja auch Ordnung bleiben, nicht wahr?" - "Ich weiß nicht genau", erwiderte ich, "die Nazisoldaten sind ja auch alle Fremde, Unangemeldete." - "Nun, dieser Herr Weidel jedenfalls machte Chichi mit seiner Anmeldung. Er habe sein Zimmer in Auteuil nicht aufgegeben, er sei ja auch dort angemeldet. Mir gefiel das gar nicht. Herr Weidel hat schon mal früher bei mir gewohnt mit seiner Frau. Eine schöne Frau, nur hat sie zu wenig auf sich gehalten und öfters geweint. Ich versichere Ihnen, der Mensch hat überall Unannehmlichkeiten gemacht. Ich ließ ihn also in Gottes Namen unangemeldet. Nur diese eine Nacht, sagte ich. Er zahlte im voraus. Am nächsten Morgen kommt mir der Mann nicht herunter. Ich will es kurz machen. Ich öffne mit meinem Nachschlüssel. Ich öffne auch den Riegel. Ich habe mir mal so ein Ding anfertigen lassen, womit man den Riegel zurückschiebt."

Sie öffnete eine Schublade, zeigte mir das Ding, einen schlau ausgeknobelten Haken.

"Der Mensch liegt angekleidet auf seinem Bett, ein Glasröhrchen leer auf dem Nachttisch. Wenn das Röhrchen vorher voll war, dann hat er eine Portion im Bauch gehabt, mit der man alle Katzen unseres Quartiers hätte umbringen können. Nun hab ich ja zum Glück einen guten Bekannten bei der Polizei Saint Sulpice. Der hat mir die Sache ins reine gebracht. Wir haben ihn vordatiert angemeldet, den Herrn Weidel. Dann haben wir ihn sterben lassen. Dann wurde er beerdigt. Dieser Mensch hat mir wirklich mehr Verdruß gemacht als der Einmarsch der Deutschen."

"Immerhin, er ist tot", sagte ich. Ich stand auf.
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"Aquel hoteI de la calle de Vaugirard, alto y estrecho, era un hotel ordinario, pero la patrona era más guapa de lo corriente: tenía un rostro fino y fresco y un pelo negrísimo; llevaba una blusa de seda blanca. Sin reflexionar, le pregunté si tenía una habitación libre. Ella sonrió mientras sus ojos me observaban con fría mirada escrutadora.

-Hay tantas como quiera.

-Primero quiero saber otra cosa -dije-. Usted tiene aquí un inquilino, el señor Weidel. ¿Está en casa, por casualidad?

Al oír esto, tanto su rostro como su actitud cambiaron, como sólo puede observarse en los franceses: la indiferencia más cortés, mas inigualable, se convierte de pronto, cuando pierden el control, en cólera rabiosa.

Y, ronca por la rabia, dijo estas frases:

-Por segunda vez en un dia se me pregunta por ese hombre. EI señor cambió de domicilio. ¿Cuántas veces tengo que decir lo mismo?

Yo, respondí.

-A mí, en todo caso, es la primera vez que me lo dice. Tenga la bondad de decirme dónde vive ahora ese señor.

-¿Y cómo voy a saberlo yo? -contestó la mujer.

Poco a poco me di cuenta de que también ella tenía miedo. Pero, ¿miedo de qué?

-Ignoro su paradero actual -agregó- y no puedo decirle más a usted.

Tal vez se lo llevó de veras la Gestapo, pensaba yo. Puse mi mano sobre el brazo de la mujer; ésta no lo retiró. Me miró con una expresión mezcla de ironía e inquietud.

-Yo ni siquiera conozco a ese hombre -aseguré-; solo me dieron un encargo para él. Eso es todo. Algo que es importante para él. Y tampoco quisiera hacer esperar en balde a un desconocido.

Me miró con atención. Luego me condujo a un cuarto pequeño situado al lado de la entrada del hotel. Después de algunas vacilaciones se decidió, al fin, a hablar:

-No puede usted imaginarse todos los disgustos que ese hombre me ha causado. Llegó el 15, en la tarde, cuando los alemanes ya estaban entrando en París. Yo no había cerrado mi hotel; me había quedado. En la guerra, solía decir mi padre, uno no debe marcharse, porque entonces le roban y ensucian a uno todo. Y, ¿por qué habría yo de temer a los alemanes? Incluso los prefiero a los rojos; por lo menos no me tocarán mi cuenta en el banco. Pues llega ese señor Weidel temblando. A mí me parece curioso que uno tiemble ante sus propios compatriotas. Pero estaba contenta de tener un inquilino, pues entonces me hallaba casi sola en todo el barrio. Pero cuando le traigo la hoja para el registro, me ruega que no lo inscriba. EI señor Langeron, el señor prefecto de la policía, como usted sabe, insiste rigurosamente en el registro de todos los extranjeros, y es preciso que haya orden, ¿no es cierto?

-Pues no sé -contesté a la mujer-, los soldados nazis, por ejemplo, también son extranjeros y, sin embargo, no se registran.

-Bueno, ese señor Weidel, en todo caso, fastidiaba con su registro. Me dijo que aún no había dejado su habitación en Auteuil, y que allí estaba registrado. No me gustaba nada. Ya antes había vivido en mi hotel, con su mujer. Una mujer muy hermosa, aunque no se arreglaba mucho y lloraba a menudo. Le aseguro que ese hombre ha causado molestias en todas partes. Por amor de Dios le dejé, pues, sin registrar, aunque sólo por una noche, como le expliqué. Pagó por adelantado. Sin embargo, al día siguiente no me bajó el hombre. Para abreviar la historia: abrí con mi otra llave. También abrí el pestillo, pues una vez mandé hacer uno de esos aparatos con los que se pueden correr los pestillos desde fuera.

Y la mujer, al decir eso, abrió un cajón y me enseñó el aparato, un gancho de construcción muy ingeniosa.

-EI hombre estaba echado sobre la cama, completamente vestido. En la mesa de noche había un frasco vacío. Si ese frasco estaba lleno antes, entonces el hombre se había echado a la tripa una cantidad de lo que fuera con la que se hubiera podido matar a todos los gatos de nuestro barrio. Afortunadamente hay un policía de Saint Sulpice que es buen amigo mío, y éste me arregló el asunto. Primero inscribimos al señor Weidel con fecha del día anterior, y luego lo dejamos morir. Después lo enterramos. Aquel hombre me causó más disgustos que la entrada de los alemanes.

-Sea como fuere, - dije yo- ya ha muerto. Me levanté."

 

 

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