"Der Teil des Cafés in dem wir saßen,
stieß an die Cannebière. Ich konnte von meinem Platz aus
den Alten Hafen übersehen. Ein kleines Kanonenboot lag vor dem
Quai des Belges. Die grauen Schornsteine standen hinter der Straße
zwischen den dürren Masten der Fischerboote über den Köpfen
der Menschen, die den Mont Vertoux mit Rauch und Geschwätz erfüllten.
Die Nachmittagssonne stand über dem Fort. Die Gesichter der Menschen,
die durch die Drehtür hereinkamen, waren gespannt von Wind und
von Unrast. Kein Mensch bekümmerte sich um die Sonne über
dem Meer, um die Zinnen der Kirche Saint-Victor, um die Netze, die auf
der ganzen Länge des Hafendamms zum Trocknen lagen. Sie schwatzten
alle unaufhörlich von ihren Transits, von ihren abgelaufenen Pässen,
von Dreimeilenzone und Dollarkursen, von Visa de Sortie und immer wieder
von Transit. Ich wollte aufstehen und fortgehen. Ich ekelte mich. -
Da schlug meine Stimmung um. Wodurch? Ich weiß
nie, wodurch bei mir dieser Umschlag kommt. Auf einmal fand ich all
das Geschwätz nicht mehr ekelhaft, sondern großartig. Es
war uraltes Hafengeschwätz, so alt wie der Alte Hafen selbst und
noch älter. Wunderbarer, uralter Hafentratsch, der nie verstummt
ist, solange es ein mittelländisches Meer gegeben hat, phönizischer
Klatsch und kretischer, griechischer Tratsch und römischer, niemals
waren die Tratscher alle geworden, die bange waren um ihre Schiffsplätze
und um ihre Gelder, auf der Flucht vor allen wirklichen und eingebildeten
Schrecken der Erde. Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter
verloren hatten. Reste aufgeriebener Armeen, geflohene Sklaven, aus
allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am
Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder
zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; immer alle auf der
Flucht vor dem Tod, in den Tod. Hier mußten immer Schiffe vor
Anker gelegen haben, genau an dieser Stelle, weil hier Europa zu Ende
war und das Meer hier einzahnte, immer hatte an dieser Stelle eine Herberge
gestanden, weil hier eine Straße auf die Einzahnung mündete.
Ich fühlte mich uralt, jahrtausendealt, weil ich alles schon einmal
erlebt hatte, und ich fühlte mich blutjung, begierig auf alles,
was jetzt noch kam, ich fühlte mich unsterblich. Doch dieses Gefühl
schlug abermals um, es war zu stark für mich Schwachen. Verzweiflung
überkam mich, Verzweiflung und Heimweh. Mich jammerten meine siebenundzwanzig
vertanen, in fremde Länder verschütteten Jahre.
Es war sechs Uhr nachmittags. Ich sah gleichgültig
über die Leute weg auf die Tür. Sie drehte sich wieder auf.
Eine Frau kam herein. Was soll ich Ihnen darüber sagen? Ich kann
nur sagen: sie kam herein. Der Mann, der sich das Leben nahm in der
Rue de Vaugirard, hat es anders ausdrücken können. Ich kann
nur sagen: sie kam herein. Sie werden von mir auch keine Beschreibung
verlangen. Ich hätte übrigens an diesem Abend nicht sagen
können, ob sie blond oder dunkel gewesen war, eine Frau oder ein
Mädchen. Sie kam herein. Sie blieb gleich stehen und sah sich um.
Bisher, wenn eine Frau an den Ort kam, wo ich
war, eine Frau, die mir wohl gefallen konnte, doch nicht zu mir kam,
dann ist es mir immer gelungen, festzustellen, daß ich sie dem
gönnte, dem sie gefiel, daß mir nichts Unersetzliches abging.
Die Frau, die eben an mir vorbeiging, gönnte ich niemand. Es war
für mich furchtbar, daß sie hereingekommen war, aber nicht
zu mir, es gab nur etwas, was ebenso furchtbar hätte sein können:
wenn sie nicht hereingekommen wäre."