Eines nachmittags, Mitte April 2003, wurde die depressive Ruhe des
Hamburger Arbeitsamts von einer bunten, lauten Gruppe gestört,
die sich nicht etwa hinten in die Schlange stellen wollte, um Geld zu
beantragen oder eine Fortbildung zu erbitten.
Was war passiert? Entsprechend neuer gesetzlicher Bestimmungen der
Berliner Regierung müssen sich Beschäftigte beim Arbeitsamt
als Arbeit suchend melden, wenn sie von Arbeitslosigkeit bedroht sind.
Die Hamburger Weiterbildungsbranche machte gestern von diesem "Angebot"
Gebrauch. Rund 1000 Beschäftigte aus 16 Einrichtungen meldeten
sich schriftlich auf großen Papierrollen beim Hamburger Arbeitsamt
als Arbeit suchend.


Der Hintergrund: Die Rot-Grüne Regierung hat entgegen ihrem
Wahlversprechen in der Bundestagswahl 2002, in denen sie eine Verbesserung
und Ausweitung des Angebots an beruflicher Weiterbildung angekündigt
hatte, die Mittel für diesen Bereich und für die aktive Arbeitsmarktpolitik
extrem reduziert, die aus dem Etat der Bundesanstalt für Arbeit
in Nürnberg bezahlt werden. Seit Mitte letzten Jahres hat die Bundesregierung
entschieden, das ganze System der Arbeitsverwaltung neu zu definieren.
Die Arbeitsämter sollen wie Wirtschaftsunternehmen geführt
werden und nur noch das finanzieren, was kurzfristigen Nutzen bringt.
Der neue Chef ist ein sozialdemokratischer Manager, der zeigen möchte,
dass auch Sozialisten modern sein können. Deshalb hat er wohl auch
dafür gesorgt, dass er etwa das Doppelte verdient wie sein Vorgänger
in dieser Funktion. Zum Amtsantritt hat er seinen Beschäftigten
mitgeteilt, dass er der Meinung ist, dass diese Institution 50 % zu
viele Mitarbeiter hat. In der Zwischenzeit hat er einen großen
Teil der Bestimmungen für die Arbeitsämter und die Arbeitslosen
geändert. Das meiste, ohne die Fachleute seiner Behörde zu
fragen. Sein Ziel ist es, den Druck auf die Arbeitslosen so zu erhöhen,
dass sie es angenehmer finden, zu arbeiten. Auf diese Art und Weise
will er die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Das Ergebnis war in fast
einem Jahr unter seiner Verantwortung ein Anstieg der Arbeitslosigkeit
um etwa 500.000 Personen, da die Ursache für die Arbeitslosigkeit
nicht in der mangelnden Motivation der Stellensuchenden liegt, sondern
in der aktuellen Wirtschaftskrise.
Die Arbeitsämter sollen die durch die gestiegene Arbeitslosigkeit
entstandenen zusätzlichen Kosten ohne zusätzlicher Mittel
aufbringen. Das hat zur Folge, dass Ausgaben, auf die kein Rechtsanspruch
der Arbeitslosen besteht, kaum noch finanziert können. Zudem ist
festgelegt worden, dass die Betriebe der beruflichen Weiterbildung garantieren
müssen, dass 6 Monate nach Abschluss des Kurses 70 % der TeilnehmerInnen
nicht mehr arbeitslos sind.
Dies hat zur Folge, dass im Vergleich zum Vorjahr fast 70 % weniger
Teilnehmer Kurse für berufliche Weiterbildungen begonnen haben.
Wegen der reduzierten Einnahmen sind in fast allen Weiterbildungsbetrieben
Massenentlassungen entweder angekündigt oder bereits ausgesprochen
worden. Nach Schätzungen von Experten sind in Hamburg mehr als
1000 von 2500 Arbeitsplätzen bedroht und bundesweit bis zu 120.000
Jobs.
Trotz der Kritik von vielen Seiten will die Behördenleitung ihre
Pläne nicht zurücknehmen.

Die Beschäftigten haben mit ihrer lautstarken Aktion aber nicht
nur das Arbeitsamt besucht, sondern auch das Parteihaus der SPD, das
in Hamburg interessanterweise direkt neben dem Arbeitsamt liegt.
Sie haben dort einen "Bildungsgutschein" übergeben und
in einer Rede (Link) deutlich gemacht, dass sie nicht bereit sind, sich
von den politisch Verantwortlichen auf diese Art und Weise betrügen
und um ihre Arbeit bringen zu lassen.
Die Aktion soll ein Startschuss zu weiteren, bundesweiten Aktionen
sein. Das Besondere ist, dass diese Aktion von den Gewerkschaften unterstützt
wurde, aber im wesentlichen von den Betriebsräten der Weiterbildungsbetriebe,
die in Hamburg eng zusammenarbeiten, selbst organisiert wurde.
Zeitungen, Radio und Fernsehen haben über die Proteste berichtet.
Inzwischen gibt es erste Meldungen, dass einige Korrekturen vorgenommen
werden sollen. Aber die KollegInnen sind skeptisch. Sie haben angekündigt,
das sie jetzt Bundestagsabgeordnete "besuchen" wollen, um
auf das Thema aufmerksam zu machen.
Weitere Informationen und Fotos: www.fuxonline.de
