Mexiko: gutes Klima für politisch Verfolgte

 

Politisches Exil bedeutete für Mexiko vor allem die Aufnahme von spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen. In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden etwa 30.000 Exilanten aus der iberischen Halbinsel aufgenommen. Das ist etwa zehnmal so viel, wie es an deutschsprachigen Flüchtlingen in Mexiko zu dieser Zeit gegeben hat. Ein Aspekt, der in den deutschen Analysen des mexikanischen Exils meist unerwähnt bleibt. Hier mag eine Rolle spielen, dass Mexiko nie eine große Tradition deutscher Auswanderung hatte. Obwohl der Bevölkerung nach das zweitgrößte und der Fläche nach das drittgrößte Land Lateinamerikas, wurde nach offiziellen Quellen für die Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zu den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Zahl der deutschen Staatsbürger nur mit etwas mehr als fünftausend Personen angegeben. Dementsprechend gab es keinen merklichen Einfluss der deutschen und deutschstämmigen Bürger auf das Geistesleben in Mexiko.

Dies änderte sich mit der politischen Emigration seit dem Ende der 30er Jahre. Obwohl die Zahl der deutschen Flüchtlinge auch in dieser Zeit mit etwa 2 - 3000 Personen eher gering war - Argentinien nahm mehr als zehnmal so viele Exilanten auf - war sie politisch bei weitem, auch für Spanien die bedeutsamste. Denn während die Exilierten in den anderen Lateinamerikaländern sich dort kaum politisch und kulturell äußern konnten, ermöglichten die Regierungen Cárdenas und danach Camacho entsprechend ihrem antifaschistischen Selbstverständnis die Aufnahme von politisch Verfolgten aus Deutschland und vor allem Spanien nach dem Bürgerkrieg. Die Liste nur einiger der bedeutsamsten Exilanten in dieser Zeit liest sich wie ein Auszug aus dem "Who is Who" der fortschrittlichen Intellektuellen ihrer Herkunftsländer: Aus Spanien kamen zahlreiche Philosophen, Historiker, Dichter, Schriftsteller und Filmemacher. Aus dem deutschsprachigen Raum sind Namen zu nennen wie Anna Seghers, Ludwig Renn, Bodo Uhse, Alexander Abusch, Bruno Frei, Egon Erwin Kisch, André Simone und viele andere.

Bedeutsam war zudem die mexikanische Förderung der Gründung von kulturellen Organisationen der meist kommunistisch oder sozialistisch-orientierten Exilanten in ihrem Land. So wurden in dieser Zeit z.B. eine "Liga pro Cultura Alemana", der "Heinrich-Heine-Club" und die Bewegung "Freies Deutschland" gegründet. Mit Hilfe dieser Organisationen wurden zum einen in Not geratene Kulturschaffende finanziell unterstützt. Zum anderen führten sie viele öffentliche Veranstaltungen durch, auf denen sie die andere, demokratisch orientierte Kultur Deutschlands präsentierten.

Nicht selten nahmen an diesen Treffen neben interessierten Bürgern auch offizielle Repräsentanten des mexikanischen Staates teil. Wichtig war zudem, dass sie den verfolgten Veröffentlichungsmöglichkeiten gaben. So wurden im Verlag "El Libro Libre" insgesamt 25 Werke von deutschen Exilschriftstellern veröffentlicht, und viele davon ins Spanische übersetzt, um sie den mexikanischen Lesern anbieten zu können. Bleibende Leistung dieser Aktivitäten ist, dass viele dieser Autoren - wie Anna Seghers -aufgrund jener Veröffentlichungen immer noch in Mexiko ein Begriff sind.

Pablo Neuda, Jorge Amado und Anna Seghers 1949 in Paris Zudem wurden Zeitschriften gegründet, wie "Alemania Libre" oder die "Demokratische Post", die sich sowohl an die mexikanische und als auch die deutschstämmige Öffentlichkeit wendeten und dort zum einen die mexikanische antifaschistische Politik unterstützten und zum anderen Artikel oder Auszüge aus Werken von Schriftstellern veröffentlichten, die die Kultur des anderne Deutschlands repräsentierten.

Dies hat eine bis heute wirkende, besondere kulturelle besondere Beziehung zwischen Mexiko und Deutschland zur Folge, wie in einem internationalen Symposium zum deutschen Exil* in Mexiko 1994 deutlich wurde, an dem auch die Botschafter beider Länder und Österreichs teilnahmen sowie der Direktor des Goethe-Institutes von Mexiko-Stadt, das sich besonders der Pflege dieses historischen Erbes widmet.

Über diese zeitlich kurze Spanne hinaus weist eine besonderes Merkmal des mexikanisches Exils. Hier gab es besonders viele regelmäßige Kontakte zwischen deutschen, spanischen und lateinamerikanischen Intellektuellen, aus denen viele langjährige Freundschaften entstanden, so z.B. zwischen Pablo Neruda, Anna Seghers, Jorge Amado, Rafael Alberti.

 

* Mexiko, das wohltemperierte Exil. Eds. Renata von Hanffstengel, Cecilia Tercero Vasconcelos and Silke Wehner Franco. Méxiko: Instituto de Investigaciones Interculturales Germano-Mexicanas, 1995 oder auf Spanisch: México, el exilio bien temperado. Eds. Renata von Hanffstengel and Cecilia Tercero. Méxiko: Instituto de Investigaciones Interculturales Germano-Mexicanas, 1995

 

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