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Rose 1931


Niemand

Ich bin König Niemand
trage mein Niemandsland
in der Tasche

Mit Fremdenpaß reise ich
von Meer zu Meer

Wasser deine blauen
deine schwarzen Augen
die farblosen

Mein Pseudonym
niemand
ist legitim

Niemand argwöhnt
daß ich ein König bin
und in der Tasche
trage mein heimatloses Land

Biographie

Eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz/Bukowina (damals Österreich-Ungarn). Gestorben 1988 in Düsseldorf.

Lebt in Österreich, den USA, Rumänien und Deutschland. Verliert dreimal ihre Staatsbürgerschaft (von Österreich, Rumänien und den USA) und ihre Heimat. Nach der faschistischen Besetzung der Bukowina ist die jüdisch-deutschsprachige Kultur dort ausgelöscht. Rose Ausländer überlebt mit ihrer Mutter, versteckt von 1943 bis 44, die Ermordung von mehr als 50.000 ihrer jüdischen Mitbürger in der Heimatstadt. Nach dem Krieg in den USA.

1965 Übersiedlung in die BRD. Dort zu Beginn fast völlig unbekannt. Lebt seit 1972 in einem Altenheim in Düsseldorf; ist seit 1978 bettlägerig und verlässt ihr Zimmer nicht mehr. Hat dort ihre produktivste Phase. Schreibt bis zu ihrem Tod 1988 noch mehr als 20 Gedichtbände und kommt zu spätem Ruhm.
Erhält in Deutschland zahlreiche Literaturpreise und das Bundesverdienstkreuz (1984).
Nicht ins Spanische übersetzt.

 

Czernowitz

Friedliche Hügelstadt
von Buchenwäldern umschlossen

Weiden entlang dem Pruth
Flöße und Schwimmer
Maifliederfülle

um die Laternen
tanzen Maikäfer
ihren Tod

Vier Sprachen
verständigen sich
verwöhnen die Luft

Bis Bomben fielen
atmete glücklich
die Stadt

 

Die Familie 1905

 

Mutterland

Mein Vaterland ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

Ich lebe in meinem Mutterland
Wort

Dies Gedicht repräsentiert die Biografie Rose Ausländers, ihre Gefühle über den Verlust der Heimat und die Gebundenheit an die deutsche Sprache. Sie wächst in Czernowitz, in der Provinz Bukowina auf, einer multi-ethnischen Region, in der vier Sprachen gesprochen werden, die bis zum Beginn des ersten Weltkrieges als Teil Österreichs durch ein friedliches Miteinander der Kulturen gekennzeichnet ist.

Ihr Elternhaus ist weltoffen und liberal geprägt, in dem jedoch die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition bewahrt werden. Es gibt in dieser damals östlichsten Region deutsch- österreichischer Kultur eine fast zweihundertjährige deutsche Sprach- und Literaturtradition, die in dieser Zeit einen erheblichen Teil ihres kulturellen Reichtums durch die große Gruppe der assimilierten Juden erhält, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast die Hälfte der Czernowitzer Bevölkerung ausmacht.

 

Rose und ihr Mann

Rose und Ignaz Ausländer
1924

 

 

Während des 1. Weltkrieges muss sie das erste Mal ihre Heimat verlassen. Sie flüchtet mit ihren Eltern von 1916 - 18 nach Wien. Als sie 1919 zurückkehren, ist die Bukowina Teil Rumäniens, deren Staatsbürgerschaft die Familie annimmt. Sie beginnt ein Studium der Literatur und Philosophie, dass sie 1920 nach dem frühen Tod des Vaters beenden muss. Ihre Mutter überredet sie 1921, aus bitterer Armut heraus, in die USA auszuwandern. Sie arbeitet u.a als Hilfsredakteurin, Sekretärin und Bankangestellte und publiziert ihre ersten Gedichte. Sie heiratet 1923 Ignaz Ausländer, den sie aus Czernowitz kennt. Dessen Namen behält sie bis zu ihrem Tod, obwohl sie sich bereits nach drei Jahren von ihm trennt und 1930 von ihm scheiden lässt.

1926 erhält sie die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten, die ihr allerdings 1934 wegen dreijähriger Abwesenheit wieder aberkannt wird. Grund ist ihre Rückkehr nach Czernowitz, um die kranke Mutter zu pflegen.

Ihre große Liebe ist Helios Hecht, mit dem sie seit 1931zusammenlebt. Sie trennt sich 1935 von ihm, weil er einige ihrer Gedichte gegen ihren Willen veröffentlicht hat. Er bleibt aber zeitlebens ihre große, unerfüllte Liebe und Sehnsucht, der sie viele Gedichte widmet.

 

Wort an Wort

Wir wohnen
Wort an Wort

Sag mir
dein liebstes
Freund


meines heißt
DU

 

Hanna Kawa

Hanna Kawa, Paris1956

 

 

 

 

1939 erscheint ihr erster Gedichtband " Der Regenbogen" in Czernowitz auf Deutsch, der von der lokalen Kritik sehr gefeiert wird, aber in Nazideutschland und dem faschistischen Österreich keinerlei Resonanz findet. Es wird für fast dreißig Jahre ihr letztes Buch sein. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Arbeiterin und mit Englischunterricht.

1941 besetzten die Nazis die Bukowina. In dieser Zeit werden von den mehr als 60.000 Czernowitzer Juden etwa 55.000 deportiert und ermordet. Sie arbeitet zunächst als Zwangsarbeiterin im jüdischen Getto. In dieser Zeit trifft sie Paul Celan, mit dem sie sich intensiv poetisch austauscht. Den Deportationen 1943/44 entgeht sie zusammen mit ihrer Mutter versteckt in Kellern mit Hilfe einer Freundin, Hanna Kawa, die ebenfalls Dichterin war. Diese Zeit hinterlässt bei ihr eine angegriffene Gesundheit.

Nach der Befreiung durch die russischen Truppen wird Czernowitz der Ukraine zugeschlagen. Rose Ausländer verlässt erneut Czernowitz und wandert über Bukarest 1946 erneut in die USA aus. Ihre Hoffnung, die Mutter, die sie sehr liebt, nachholen zu können, scheitert, weil die Mutter bald daruf stirbt. In den Vereinigten Staaten findet sie Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin in einer Spedition, wo sie bis zu ihrem krankheitsbedingten Ausscheiden 1961 tätig ist.

Zwischen 1949 und 1956 ist es ihr nicht mehr möglich, in ihrer Muttersprache zu schreiben und verfasst ihre Texte in dieser Zeit ausschließlich auf Englisch. Sie wird, obwohl sie erneut die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erwirbt, in den Vereinigten Staaten nicht heimisch, weder mit den Mitemigranten noch mit dem american way of life.

Mein Schlüssel

Mein Schlüssel
hat das Haus verloren
Ich gehe von Haus zu Haus
keines paßt

Den Schlosser
habe ich gefunden
mein Schlüssel paßt
zu seinem Grab

Unendlich

Vergiß
Deine Grenzen

Wandre aus

Das Niemandsland
Unendlich
nimmt dich auf

Erst das Zusammentreffen mit Marianne Moore und wohl auch erneute Treffen mit Paul Celan eröffnen ihr die Möglichkeit, wieder in ihrer Muttersprache Gedichte zu verfassen. Der erneute Austausch mit Paul Celan, der in Deutschland zu dieser Zeit eine der wichtigsten Stimmen der Überlebenden des Holocausts ist, inspiriert sie zudem zu einer freieren Form des Schreibens, in der sie unter Verzicht auf den Reim ihren Ausdruck vervollkommnet.

Die Wiederannäherung an die deutsche Sprache ist auch der Hintergrund für ihre Entscheidung, wieder in den deutschen Sprachraum zurückzukehren. Wegen antisemitischer Erfahrungen und der dort erfahrenen "Kälte" und Provinzialität verlässt sie 1965 nach einem Jahr Wien und nimmt ihren Wohnsitz in auf Dauer in Düsseldorf, weil sie dort die meisten Freunde und Bekannten in Deutschland hat. Sie wird deutsche Staatsbürgerin und erhält eine Rente als Verfolgte des Nazi-Regimes.

Mein Venedig

Venedig
meine Stadt

Ich fühle sie
von Welle zu Welle
von Brücke zu Brücke

Ich wohne
in jedem Palast
am großen Kanal

Meine Glocken
läuten Gedichte

Mein Venedig
versinkt nicht

 

1965 erscheint auch ihr erster Gedichtband nach 1939, "Blinder Sommer".
Literarisch ist Rose Ausländer aber trotz einiger positiver Rezensionen in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit völlig unbekannt. Sie nutzt die neu gewonnene finanzielle Unabhängigkeit durch die Rente zu vielen Reisen. Insbesondere in Italien, das sie mehrere Male besucht, fühlt sie sich emotional sehr aufgehoben, obwohl sie die Sprache nicht spricht. Insbesondere Venedig regt sie an, sich neue Entwürfe von Heimat zu gestalten.

Vor allem aber nutzt Rose Ausländer nun die Möglichkeit, jetzt finanziell abgesichert, die ihr verbliebene Kraft ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. Doch die öffentliche Resonanz ist sehr begrenzt, weil trotz Fürsprache namhafter Freunde keiner der renommierten Verlage ihre Gedichte veröffentlichen will.

Als 1976 die Zusammenarbeit mit Helmut Braun beginnt, der sie "entdeckt" und als engagierter Herausgeber ihrer Werke auch ihr engster Vertrauter wird, sind nach elf Jahren von "Blinder Sommer" erst 350 Exemplare verkauft. Erst jetzt, mit 75, beginnt für sie die Zeit der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Arbeiten. Sie hat nur zwei Jahre Zeit, an dem immer stärker zunehmenden Interesse an ihren Werken in der Öffentlichkeit teilzuhaben.

Nach einem Oberschenkelhalsbruch, von dem sich ihr Körper nicht mehr erholt, beschließt sie 1977 den Rest ihrer Lebenskraft auf das Schreiben zu konzentrieren. Ob sie tatsächlich das Bett nicht mehr verlassen kann, bleibt nach Aussage ihrer Freunde offen.

Rose in ihrem Zimmer

In ihrem Bett

Rose Ausländer verlässt die letzten zehn Jahre ihres Lebens ihr Zimmer im Nelly-Sachs-Haus, dem jüdischen Altenheim in Düsseldorf, nicht mehr. Gleichzeitig beginnt aber in dieser Zeit ihre literarisch produktivste Zeit. Sie schreibt bis 1987 noch mehr als zwanzig Bücher, die jetzt zum Teil sehr hohe Auflagen erreichen.

An der sich weiter verstärkenden öffentlichen Resonanz auf ihr Werk kann sie nicht mehr direkt teilhaben. Rose Ausländer reduziert den Kontakt zu Menschen immer mehr. Wichtigste Bezugsperson neben ihrem Bruder Max Scherzer, der in New York lebt, ist Helmut Braun, dem sie in den letzten Jahren ihre Gedichte diktiert, da sie wegen einer Arthritis nicht mehr schreiben kann. 1987, einige Monate vor ihrem Tod, beschließt sie, das Schreiben einzustellen, weil alles gesagt ist. Sie stirbt am 3. Januar 1988.

Losungswort

Ich schwöre es
das Losungswort
heißt
Liebe

 

Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende

 

Wir möchten mit dieser Ausgabe von Tierra de Nadie neue Leser und Leserinnen für Rose Ausländer interessieren. Ihre Themen wie Identität, Heimat, Natur, Liebe und die Verarbeitung des Holocaust mit ihrer klaren, einfachen, sensiblen, kraftvollen und bildhaften Sprache sind auch heute noch von großer Aktualität. Besonders freuen würden wir uns, dazu beizutragen zu können, für das Werk Rose Ausländers die Tür zur spanischsprachigen Welt zu öffnen.

Auszeichnungen für Rose Ausländer:
1967 Droste-Preis der Stadt Meersburg
1977 Ida-Ehmel-Preis der GEDOK
1978 Ehrengabe des BDI
1980 Gandersheimer Literaturpreis
1984 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
1984 Bundesverdienstkreuz

 

Links

Biographie:
http://www.fembio.org/frauen-biographie/rose-auslaender.shtml
http://ursulahomann.de/RoseAuslaender/

Gedichte:
http://www.litlinks.it/a/auslaender.htm

Lieferbare Bücher beim S. Fischer Verlag:
http://www.s-fischer.de/sfischer/autoren/home.htm#/cgi-bin/bibliographie.asp?pid=183&vid=310

Literatur:
Cilly Helfrich: Rose Ausländer. Biographie. Weinheim 1995 oder als TB: Zürich 1998
Helmut Braun: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt/Main 1991
Helmut Braun: Ich bin fünftausend Jahre jung. Zur Biographie von Rose Ausländer.
Stuttgart 1999.

Der Abdruck der Gedichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des S.Fischer Verlages.
Alle Rechte vorbehalten S.Fischer Verlag.

 

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