Galería de personajes Ventana de opinión Literatura en la distancia Viaje sentimental
Portada

 

"Torres Humanas"
oder die Erkenntnis über eine Familie

Der gemeine deutsche Tourist, der der Sonne wegen die spanischen Küsten bevölkert, um sich anschließend im heimischen Büro dem Neid der Kollegen auszusetzen, glaubt auf den Karten, die er nach Haus geschickt hat, Folklore zu sehen, die nur für die Touristen inszeniert wurde. Sicher hängt das mit dem Unverhältnis der Deutschen zu ihren Traditionen zusammen, schließlich tragen solche Traditionen für viele Deutsche immer den Hauch von Nationalismus mit sich.

Wer jedoch abseits der Touristenwege das wirkliche Spanien besucht, bemerkt, das diese Postkartenimpressionen eben nicht für die Touristen inszeniert wurden, sondern genau das darstellt, was sie sind.
Diese mittelalterlichen, oft religiösen Traditionen, haben eine spürbar große Bedeutung für die Spanier und prägen sie und ihr Land.

Oft besuche ich die katalonische Stadt Lleida. Diese Provinzhauptstadt, in einem grossen Obstanbaugebiet, gelegen am Segre, in einer Tiefebene zwischen den Pyrenäen und Mont Sec, ist die Heimat meines Lebenspartners und seiner (mittlerweile auch meiner) Familie, und so bekomme ich immer wieder Einblicke in die spanische Gesellschaft.

zur Animation des "Turmbaus"

Im Mai des letzten Jahres konnte ich die Fiesta Mayor in Lleida erleben. Das grosse, einmal im Jahr stattfindene Fest für den Schutzheiligen der Stadt "Sant Anastasius", das jährlich am Wochende des 11. Mai gefeiert wird. Die Prozession am 11. Mai, in der der Heilige durch die Stadt von der Kathedrale zur Placa des Sant Juan getragen wird, wird von all dem begleitet, was diese Traditionen symbolisiert: Los Gigantes, die alten, bis zu 3 Meter grossen Figuren, die wichtige Personen der Geschichte Spaniens und Cataloniens darstellen, und man kann sich vorstellen, dass es höchste körperliche Anstrengung bedarf, ihnen Füße zu verleihen.
Die Musik, die ihre arabischen Einflüsse nicht verbergen kann, und zu dessen Schalmeienklang Kinder und Jugendliche einen Tanz mit hölzernen Klangstäben tanzen, der große Geschicklichkeit fordert, und natürlich, die in Katalonien unvermeidlichen Torres Humanas, die ein tief beeindruckendes Symbol für den Zusammenhalt der Gemeinschaft und Generationen, der "Familie" sind.
Am Platz angekommen, wird die Figur des Heiligen von den Menschen mit unglaublichen Mengen von Blumen geschmückt, die den Spendern den Schutz des Heiligen für das Jahr versichern.

All das könnte glauben machen, die Spanier seien noch immer von größerer Religiösität als die Deutschen. Sind sie wahrscheinlich auch, aber diese Religiösität ist pragmatischer und alles andere als unkritisch.
Der auffallenste Eindruck aber ist, dass man sich dem Fest nicht entziehen kann.
Die Familie feiert und du wirst mitfeiern. Du wirst essen! Hausmannskost! Nicht Döner, Hot Dogs, und anderer kommerzieller Fastfood, sondern lauter kleine Spezialitäten aus den Regionen Spaniens, die von den Männern und Frauen, die fern der Städte und Regionen, aus denen sie stammen, nun in Lleida lebend, zubereitet und mit der gleichen Hingabe und Überzeugung angepriesen werden. Du wirst Trinken und lachen und die Barriere der schlechten, völlig unzureichenden Sprachkenntnisse wird einfach mit einem "Salut" niedergewalzt.

Familie! Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Torres Humanas zurückkommen.
Ich habe mich immer gefragt, warum meinem Partner der Kontakt zu seiner Familie so wichtig ist, gehöre ich doch zu denen, die Familie eher als Last empfinden.

Als ich zum ersten Mal die Torres Humanas erlebte, wurde dieses Phänomen für mich deutlicher. Auf den Bildern, die es von diesen akrobatischen Bauwerken gibt, sieht man ja oft nur den Turm selbst. Die vielen älteren (ich schätze bis zu 50) Frauen und Männer aber, die um den Turm herum die untersten Träger stützen, "ihnen den Rücken Stärken", der jüngsten Generation an der Spitze des Turmes Sicherheit geben, sieht man nur im hautnahem Erleben.

Andreas F. Hahne
zurück