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Castellio
"Die
Wahrheit zu suchen und sie zu sagen,
wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein.
Niemand darf zu einer Überzeugung gezwungen werden.
Die Überzeugung ist frei."
"Einen Menschen töten heißt
niemals, eine Lehre verteidigen, sondern:
einen Menschen töten."
Einführung
Als Sebastian Castellio als kirchlicher Lehrer um die Mitte des 16. Jahrhunderts
diese Worte schrieb, waren sie für die Machthaber eine extreme Provokation.
Zudem waren sie unwiderlegbar begründet, so dass die Herrschenden
jener Zeit sich nicht anders zu helfen wussten, als deren Publikation
zu verhindern. Die Texte von Castellio zu den humanen Wurzeln des Christentums
und seine Begründung der Glaubens- und Gewissensfreiheit sind einzig
für diese Zeit der Restauration in Mitteleuropa, in der die neu entstandenen
protestantischen Religionen versuchten mit allen Mitteln ihre Macht zu
konsolidieren, die sie der katholischen Kirche abgetrotzt hatten. Hierzu
gehörte der Kampf gegen abweichende Religionsauffassungen, wie wir
sie aus den katholischen Hexenprozessen des Mittelalters kennen. In Genf
hatte zu dieser Zeit der Theologe Calvin die Macht erlangt, der das Ziel
verfolgte, einen idealen Gottesstaat zu errichten. Das ganze Leben der
Menschen in der Familie, Schule, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft
sollte ein Gottesdienst sein. Dementsprechend gab es sehr eng gefasste
Regeln für alle Lebensbereiche und drakonische Strafen für Bürger,
die diese Vorschriften verletzten.
Ihren Höhepunkt in der Bestrafung abweichenden Verhaltens und Denkens
fand der calvinistische Gottesstaat in einem Schauprozess gegen den spanischen
Theologen, Naturphilosophen und Arzt Michael Servet (geboren 1511 in Navarra),
der wegen Ketzerei auf Betreiben Calvins zum Tode verurteilt und auf eine
äußerst sadistische Art und Weise verbrannt wurde. Obwohl Castellio
wusste, dass er niemals gewinnen konnte, entschied er sich, den Kampf
gegen Calvin aufzunehmen, allein, weil niemand seiner Freunde, die ähnlich
dachten wie er, den Mut aufbrachte, sich öffentlich zu äußern.
Er antwortete auf eine Schrift Calvins, der die Hinrichtung von Ketzern
gerechtfertigt hatte. Castellio postulierte Regeln der Toleranz und bezeichnete
die Ermordung von Andersdenkenden als Verbrechen. Die geistige Auseinandersetzung
mit den Schriften Castellios wurden von Calvin verhindert. Sein Werk "Contra
libellum Calvini" konnte zu seinen Lebzeiten überhaupt nicht
gedruckt werden. Es erschien erst im 17. Jahrhundert in den Niederlanden.
Einem unmittelbar bevorstehenden Prozess entging er nur dadurch, dass
sein Herz aufhörte zu schlagen. Die Beerdigung wurde zu einem späten
Triumphzug für Castellio, denn alle, die zu ängstlich waren,
ihn zu Lebzeiten zu unterstützen, wollten nun ihre Zuneigung und
Wertschätzung zeigen.
Das Werk und der persönliche Mut Castellios gerieten fast völlig
in Vergessenheit. Stefan Zweig wurde 1935 durch einen Brief eines calvinistischen
Pfarrers, Jean Schorer, aus Genf auf diesen großen Unbekannten aufmerksam
gemacht, in dem er fragte, ob Stefan Zweig nicht etwas über Castellio
schreiben wollte. Zweig zögerte keinen Moment, sich des Themas anzunehmen
und schrieb: "Selten war ich vom ersten Augenblick an so von einer
Persönlichkeit gefesselt und voll so spontaner Sympathie."
Als das Buch 1936 erschien, wurde es von den Repräsentanten deutschsprachiger
Kultur im Exil sehr gefeiert. Viele lasen das Buch auch als eine Ermutigung
zum Kampf gegen das faschistische Unrecht. Obwohl sich Zweig sehr bemühte,
der Person Calvins gerecht zu werden, auch wenn er dessen Unterdrückung
der Freiheit ablehnte, wurde dem Werk bei seiner Neuauflage nach dem zweiten
Weltkrieg insbesondere aus kirchlichen Kreisen eine große Skepsis
entgegengebracht.
Wir meinen, es lohnt sich auch heute noch, "Castellio" zu
entdecken, denn seine Schriften sind große Literatur. Wir freuen
uns, dass in Spanien 2002 eine bibliophile Neuübersetzung erschienen
ist, zu deren Lektüre wir genauso wie zu der deutschen Ausgabe einladen
möchten.

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Das Recht auf Gedankenfreiheit
"Vorbildlich aber sollte vor allem im sittlichen Sinne für
spätere Geschlechter der beispiellose und beispielgebende Mut
dieses vergessenen Mannes bleiben. Denn wenn Castellio den von Calvin
hingeopferten Servet allen Theologen der Welt zum Trotz einen unschuldig
Gemordeten nennt, wenn er allen Sophismen Calvins das unsterbliche
Wort entgegenschleudert: "Einen Menschen verbrennen heißt
nicht, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten",
wenn er in seinem Manifest der Toleranz (lange vor Locke, Hume, Voltaire
und viel großartiger als sie) ein für allemal das Recht
auf Gedankenfreiheit proklamiert, dann setzt dieser Mann für
seine Überzeugung sein Leben als Pfand. Nein, man versuche nicht,
Castellios Protest gegen den Justizmord an Miguel Servet mit den tausendmal
berühmteren Protesten Voltaires im Fall Calas' und Zolas in der
Affäre Dreyfus zu vergleichen - diese Vergleiche erreichen nicht
entfernt die moralische Höhe seiner Tat. Denn Voltaire, als er
den Kampf für Calas unternimmt, lebt schon in einem humaneren
Jahrhundert; überdies steht hinter dem weltberühmten Dichter
die Protektion von Königen, von Fürsten, und ebenso schart
sich wie eine unsichtbare Armee hinter Emile Zola die Bewunderung
ganz Europas, einer ganzen Welt. Beide wagen sie mit ihrer Hilfstat
viel ihrer Reputation und ihrer Bequemlichkeit eines fremden Schicksals
willen, nicht aber - und dieser Unterscheid bleibt der entscheidende
- ihr eigenes Leben wie Sebastian Castellio, der in seinem Kampfe
um die Humanität mit ihrer ganzen mörderischen Wucht die
Unhumanität seines Jahrhundert erlitten."

Calvin
Die Kraft der Besiegten
"Die Geschichte, sie zählt als kalte Chronistin nur die
Erfolge, selten aber mißt sie mit moralischem Maß. Nur
auf die Sieger blickt sie und läßt die Besiegten im Schatten;
unbedenklich werden diese 'unbekannten Soldaten'eingescharrt in die
Grube des großen Vergessens, nulla crux, nulla Corona, kein
Kreuz und kein Kranz rühmt ihre verschollene, weil vergebliche
Opfertat. In Wahrheit aber ist keine Anstrengung, die aus reiner Gesinnung
unternommen war, vergeblich zu nennen, kein moralischer Einsatz von
Kraft geht jemals völlig im Weltall verloren. Auch als Besiegte
haben die Unterlegenen, die zu früh Gekommenen eines überzeitlichen
Ideals ihren Sinn erfüllt; denn nur, indem sie sich Zeugen und
Überzeugte schafft, die für sie leben und sterben, wird
eine Idee auf Erden lebendig. Vom Geiste aus gewinnen die Worte 'Sieg'
und 'Niederlage' einen andern Sinn, und darum wird es not tun, immer
und immer wieder eine Welt, die bloß auf die Denkmäler
der Sieger blickt, daran zu mahnen, daß nicht jene die wahrhaften
Helden der Menschheit sind, die über Millionen von Gräbern
und zerschmetterten Existenzen ihre vergänglichen Reiche errichten,
sondern gerade diejenigen, die gewaltlos der Gewalt unterliegen, wie
Castellio gegen Calvin in seinem Kampf um die Freiheit des Geistes
und um die endliche Herankunft der Humanität auf Erden."

Genf
Texte von Castellio
Welches ist das "wahre" Christentum?
"Scheinbar wäre damit die endgültige Definition gefunden.
Aber - verhängnisvolle Frage! - welches ist das 'wahre' Christentum
unter all seinen verschiedenen Auslegungen, was die 'richtige' Deutung
des Gottesworts? Die katholische, die lutherische, die zwinglianische,
die wiedertäuferische, die hussitische, die calvinische Exegese?
Gibt es wirklich eine absolute Sicherheit in religiösen Dingen,
ist tatsächlich das Wort der Schrift immer deutbar? Castellio hat
den Mut - im Gegensatz zum Rechthaber Calvin -, mit einem bescheidenen
Nein zu antworten. Er erblickt in der Heiligen Schrift Erfaßbares
neben Unfaßlichem. 'Die Wahrheiten der Religion', schreibt dieser
im tiefsten religiöse Geist, 'sind ihrer Natur nach geheimnisvoll
und bilden noch nach mehr als tausend Jahren den Gegenstand eines unendlichen
Streites, in welchem das Blut nicht aufhören wird zu fließen,
sofern nicht die Liebe die Geister erleuchtet und das letzte Wort behält.
Wären alle Dinge so klar und offenbar, wie es klar ist, daß
es einen Gott gibt, so könnten alle Christen leicht über alle
diese Dinge einer Meinung sein, so wie ja auch alle Nationen einig sind
in der Erkenntnis, daß es einen Gott gibt; weil aber alles dunkel
und verwirrt ist, sollten Christen nicht einer den andern verurteilen,
und wenn wir weiser sind als die Heiden, so seien wir auch besser und
mitleidiger als diese." (...)
"Während du in einer Stadt oder Gegend als wahrer Gläubiger
giltst, wirst du in der nächsten dafür schon als Ketzer geachtet,
so daß, wenn einer heute unbehelligt leben wollte, er eigentlich
so viele Überzeugungen und Religionen haben müßte, als
es Städte und Länder gibt."
"Wenn ich nachdenke, was eigentlich ein Ketzer sei, finde ich nichts
anderes, als daß wir all jene als Ketzer bezeichnen, die nicht
mit unserer Meinung übereinstimmen."
O Christus, siehst Du diese Dinge?
"Bist Du wirklich ein ganz anderer geworden, als Du es warst, so
grausam und so feindselig wider Dich selbst? Als Du auf Erden weiltest,
gab es nichts Sanfteres, nichts Gütigeres als Dich, keinen, der
Verhöhnungen milder duldete; beschimpft, bespien, verlacht, mit
Dornen gekrönt, zwischen Räubern gekreuzigt, mitten in tiefster
Erniedrigung hast Du für diejenigen gebetet, welche Dir alle diese
Beleidigungen und Schmähungen angetan. Ist es wahr, daß Du
jetzt so verwandelt bist? Ich flehe Dich an, im heiligsten Namen Deines
Vaters: Gebietest Du denn wirklich, daß diejenigen, welche nicht
alle Deine Anordnungen und Gebote genau so, wie Deine Lehrer es fordern,
befolgen, im Wasser ertränkt werden, mit Zangen zerrissen bis zu
den Eingeweiden, mit Salz bestäubt, von Schwertern zerfetzt, an
kleinen Feuern geröstet und mit aller Art von Martern so langsam
als möglich zu Tode gequält? Billigst Du wirklich, o Christus,
diese Dinge? Sind es wirklich Deine Diener, die solche Schlächtereien
veranstalten, welche derart die Leute schinden und zerstückeln?
Bist Du wirklich, wenn man Deinen Namen zum Zeugen anruft, bei solchen
grausamen Metzgereien, als ob Du Hunger hättest nach menschlichem
Fleisch? Wenn Du, Christus, diese Dinge wirklich gebieten würdest,
was wäre dann Satan zu tun übriggelassen? 0 furchtbare Gotteslästerung,
daß Du diese Dinge tätest, dieselben Dinge wie er! 0 niederträchtiger
Mut der Menschen, Christus solche Dinge zuzuschieben, die nur Wille
und Erfindung des Teufels sein können!"
"Ah, ihre Heilige Lehre"
"...wie wird Christus sie am Tage des Jüngsten Gerichts verabscheuen!
Er wird Rechenschaft fordern über den Lebenswandel, nicht über
die Lehre; und wenn sie ihm sagen werden: Herr, wir waren mit
dir, wir haben in deinem Sinn gelehrt,' dann wird er ihnen antworten:
Hinweg mit euch, ihr Verbrecher!'
Oh, ihr Blinden, oh, ihr Verblendeten, oh, ihr blutrünstigen und
unheilbaren Heuchler! Wann werdet ihr die Wahrheit endlich erkennen,
und wann werden die irdischen Richter aufhören, nach eurer Willkür
blind das Blut der Menschen zu vergießen!"
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