Fragment
"Unter den europäischen
Schriftstellern, welche diese Stunde vereinigt, um unser altes Bekenntnis
zur geistigen Einheit zu bekräftigen, haben wir, die wir in deutscher
Sprache schreiben, ein schmerzliches, ein tragisches Vorrecht. Wir waren
die ersten, an denen sich jene Brutalität erprobte, die heute die
Welt in Schrecken hält. Unsere Bücher waren die ersten, die
auf den Brandstoß geworfen wurden. Mit uns wurde der Anfang gemacht
jener Austreibung von Tausenden und Tausenden Menschen aus Haus und
Heim. Es war zuerst eine harte Prüfung für uns.
Aber heute beklagen wir diese Ausstoßung
nicht mehr. Denn wie könnten wir (...) vor uns selbst bestehen,
wenn uns das Deutschland von heute geschont oder gar geehrt hätte?
Unser Gewissen fühlt sich freier, sichtbar von jenen geschieden
zu sein, die das größte Unheil der Geschichte über die
Welt gebracht.
Aber so frei wir uns auch fühlen
von aller Verantwortung für die Untaten, die heute im Namen der
deutschen Kultur geschehen, so lastet doch der Schatten dieser Taten
in geheimnisvoller Weise auf unserer Seele. Denn ihr, meine anderen
europäischen Freunde, habt es leichter. Ihr könnt angesichts
dieser grausamen Maßnahmen, welche die Würde der Menschheit
erniedrigen, wenigstens stolz sagen: "Das sind nicht wir! Das ist
ein fremder Geist, eine fremde Ideologie!"
Jedoch wir als Schriftsteller deutscher
Sprache fühlen angesichts dieser Vergewaltigungen eine geheime
und grausame Scham. Denn diese Dekrete sind in deutscher Sprache verfaßt,
in derselben Sprache, in der wir schreiben und denken. Diese Brutalitäten
geschehen im Namen derselben deutschen Kultur, der wir versuchten, mit
unserem Werke zu dienen. Wir können es nicht leugnen, daß
es unsere Heimat ist, welche diese Schrecknisse über die Welt gebracht.
Und obwohl wir den Deutschen längst nicht mehr als Deutsche gelten,
habe ich das Gefühl, ich müsse hier vor jedem Einzelnen meiner
französischen, englischen, belgischen, norwegischen, polnischen,
holländischen Freunde Abbitte leisten für all das, was heute
seinem Volke im Namen des deutschen Geistes angetan wird.
Vielleicht verwundern Sie sich,
daß wir nichtsdestoweniger fortfahren, in dieser deutschen Sprache
zu schaffen und zu schreiben. Aber ein Schriftsteller vermag wohl sein
Land zu verlassen, nie aber kann er sich lösen von der Sprache,
die in ihm denkt und schafft. Es war in dieser Sprache, in der wir unser
ganzes Leben lang gegen die Selbstvergötterung des Nationalismus
gekämpft haben, und es ist die einzige Waffe, die uns geblieben
ist, um weiterhin zu kämpfen gegen den verbrecherischen Ungeist,
der unsere Welt verstört und die Würde der Menschheit in den
Kot tritt."
Eines der letzten Fotos von Stefan Zweig
[1] Solidaritätsbotschaft
von Stefan Zweig im Namen der deutschen Schriftsteller im Exil bei
dem Bankett, das der amerikanische PEN-Club anläßlich der
Gründung des European P. E. N. in America am 15. Mai 1941 in
New York gab. Den vollständigen Text finden Sie in: Stefan Zweig:
Schlaflose Welt. (Essays 1909 - 1941), Frankfurt/Main 1990, S. 276
- 278.