Tierra de Nadie
Bildmotiv zu Hafen und europäischem Exil, der Schriftstellerin Anna Seghers zugeordnet

Exil

Anna Seghers:
Flucht, Exil und Werk

Anna Seghers (1900-1983), Autorin von 'Das siebte Kreuz' und 'Transit': ihre Flucht aus Nazideutschland, das mexikanische Exil und ihr Bild der Entwurzelung.

Das Werk von Anna Seghers ist von einer Erfahrung geprägt, die sie aus erster Hand kannte: der des Flüchtlings, der flieht, wartet und ein Land sucht, das ihn aufnimmt. Nur wenige Bücher haben die Lage der Verbannten mit der Genauigkeit und der Nüchternheit ihrer beiden großen Romane der vierziger Jahre erzählt.

Netty Reiling aus Mainz

Anna Seghers wurde 1900 in Mainz als Netty Reiling in eine jüdische Familie geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Philologie, promovierte mit einer Arbeit über das Jüdische und das Christliche im Werk Rembrandts und begann früh, Erzählungen zu veröffentlichen. 1928 erhielt sie den angesehenen Kleist-Preis und trat der Kommunistischen Partei bei — zwei Ereignisse, die ihren literarischen und politischen Weg bestimmen sollten.

Die ersten Bücher

Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1928 mit Aufstand der Fischer von St. Barbara, der Erzählung, die ihr den Kleist-Preis eintrug und bereits die Merkmale ihres Schreibens festlegte: die Aufmerksamkeit für die einfachen Leute, die Nüchternheit der Darstellung und das Interesse am gemeinschaftlichen Handeln mehr als am einzelnen Helden. In jenen Jahren bewegte sich Seghers in den linken literarischen Kreisen der Weimarer Republik, ehe der Aufstieg des Nationalsozialismus alles veränderte.

Die Flucht

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste Seghers — jüdisch, kommunistisch und eine Frau des öffentlichen Lebens — fliehen. Sie ging über die Schweiz nach Frankreich. Als der Krieg auch Frankreich erreichte, saß sie wie viele andere im unbesetzten Süden fest, in der Erwartung von Visa und Schiffen. Aus diesem zermürbenden Warten in Marseille sollte eines ihrer größten Werke entstehen.

Das siebte Kreuz und Transit

Das siebte Kreuz (1942) erzählt die Flucht von sieben Häftlingen aus einem deutschen Konzentrationslager. Der Lagerkommandant lässt sieben Kreuze aufstellen, um ein Exempel zu statuieren; sechs werden besetzt, doch das siebte bleibt leer, weil einem der Geflohenen die Flucht gelingt. Der im Exil geschriebene und zuerst in Übersetzung erschienene Roman fand ein gewaltiges internationales Echo und führte der Welt die Wirklichkeit der Lager vor Augen, noch ehe der Krieg zu Ende war.

«Transit» ist der Roman des Wartesaals: Menschen ohne Heimat, die einem Stempel, einem Visum, einer Schiffspassage nachjagen, während die Zeit verrinnt.

Transit (1944) überträgt die Erfahrung von Marseille in die Fiktion: Ein Flüchtling nimmt die Identität eines toten Schriftstellers an, um an die Papiere zu kommen, die ihm die Ausreise erlauben. Es ist ein genaues Bild der Bürokratie des Exils und jener Identität, die sich auflöst, wenn man jeden eigenen Ort verloren hat.

Das internationale Echo

Das siebte Kreuz hatte ein zweites Leben über das Buch hinaus. In den Vereinigten Staaten erschienen, wurde es vom Book-of-the-Month Club ausgewählt und 1944 von Metro-Goldwyn-Mayer verfilmt — in einem Film unter der Regie von Fred Zinnemann mit Spencer Tracy in der Hauptrolle. Für viele amerikanische Leser und Zuschauer war es eine der ersten Darstellungen der deutschen Konzentrationslager überhaupt. Jahrzehnte später erfuhr auch Transit mehrere Verfilmungen, darunter die des deutschen Regisseurs Christian Petzold, der die Geschichte in eine datenlose Gegenwart verlegte.

Das mexikanische Exil

1941 gelang Seghers endlich die Ausreise, und sie erreichte Mexiko, das in jenen Jahren zahlreiche europäische Emigranten und spanische Republikaner aufnahm. In Mexiko-Stadt schrieb sie weiter und beteiligte sich aktiv am kulturellen Leben des antifaschistischen deutschsprachigen Exils. Mexiko war für sie, wie für so viele Verfolgte, das Land, das Zuflucht bot, als Europa sich verschlossen hatte.

Die Rückkehr

Nach Kriegsende kehrte Seghers nach Deutschland zurück und ließ sich im östlichen Teil nieder, der späteren Deutschen Demokratischen Republik, wo sie dem Schriftstellerverband vorstand. Ihre Figur blieb so mit der Literatur der DDR verbunden — nicht ohne Spannungen mit der Macht. Über die politischen Etiketten hinaus überdauert ihr Werk als eines der großen literarischen Zeugnisse des Jahrhunderts der Flüchtlinge, im Gespräch mit anderen deutschsprachigen Verbannten wie Stefan Zweig und Rose Ausländer.

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