Tierra de Nadie
Bildmotiv zu Sprache und Heimat, der Dichterin Rose Ausländer zugeordnet

Lyrik im Exil

Rose Ausländer:
Leben, Werk und Gedichte

Rose Ausländer (1901-1988): die Dichterin aus Czernowitz, ihr Weg durch Ghetto und Emigration und das Werk, das die Sprache zur Heimat machte.

Rose Ausländer gehört zu den großen deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Leben führte von der versunkenen Welt der Bukowina über Ghetto und Emigration bis nach Düsseldorf — und ihr Werk machte aus dieser Erfahrung des Verlusts eine Dichtung, in der die Sprache selbst zur Heimat wird.

Czernowitz

Rose Ausländer wurde 1901 als Rosalie Beatrice Scherzer in Czernowitz geboren, der Hauptstadt der Bukowina, damals ein vielsprachiger Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. In diesem Umfeld aus Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Ukrainisch wuchs sie auf; das Deutsche wurde ihre dichterische Sprache und blieb es ihr ganzes Leben lang. Diese vielsprachige Welt prägte ihren Ton von Anfang an und stellt sie in eine Reihe mit anderen Stimmen der deutschsprachigen Literatur, die zwischen den Sprachen und Ländern Europas schrieben.

Die versunkene Bukowina

Czernowitz war vor dem Krieg ein Zentrum deutsch-jüdischer Kultur, in dem die Dichtung einen hohen Stellenwert besaß. Hier wurde die junge Rose Ausländer vom Lyriker Alfred Margul-Sperber gefördert, der früh ihr Talent erkannte. Aus diesem Umfeld ging eine ganze Generation deutschsprachiger jüdischer Dichterinnen und Dichter hervor — eine literarische Welt, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg fast vollständig auslöschten. Ausländers Werk bewahrt die Erinnerung an diese untergegangene Landschaft.

Verfolgung und Überleben

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Czernowitz besetzt, und die jüdische Bevölkerung wurde im Ghetto zusammengepfercht und verfolgt. Rose Ausländer überlebte diese Jahre unter äußerster Bedrohung, zeitweise versteckt. In dieser Zeit begegnete sie auch dem jungen Paul Celan; beide gehörten zum Kreis Czernowitzer Dichterinnen und Dichter, deren Werk vom Schatten der Schoah gezeichnet ist.

«Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer // Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort.»

Diese Verse aus dem Gedicht Mutterland fassen ihr Lebensthema zusammen: Das geographische Vaterland ist verloren, doch die deutsche Sprache — das «Wort» — bleibt als Heimat, die niemand zerstören kann.

Emigration und Rückkehr zur Sprache

Nach dem Krieg emigrierte Rose Ausländer in die Vereinigten Staaten und lebte in New York. Eine Zeit lang schrieb sie auf Englisch, ehe sie zur deutschen Sprache zurückfand — nun in einer knapperen, freieren Form ohne Reim und feste Strophe. Diese späte Wendung gilt als Beginn ihres reifsten Werks.

Das Spätwerk

1965 kehrte Rose Ausländer nach Europa zurück und ließ sich schließlich in Düsseldorf nieder, wo sie ihre letzten Jahre verbrachte. Gerade in dieser Zeit entstand, trotz Krankheit und zunehmender Zurückgezogenheit, ein umfangreiches lyrisches Werk: kurze, klare Gedichte über Erinnerung, Heimat, Natur und das Wort. Ihre Sammlungen erschienen in rascher Folge und fanden erst spät die breite Anerkennung, die ihnen heute zukommt.

Ein spätes, großes Werk

Mit dem Band Blinder Sommer (1965) fand Rose Ausländer zu neuer Anerkennung. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie zurückgezogen im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf; ab Ende der siebziger Jahre bettlägerig, schrieb und diktierte sie dennoch weiter und schuf ein Werk von mehreren tausend Gedichten. Als sie 1988 starb, galt sie als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen ihrer Zeit. Gesellschaften und Werkausgaben pflegen seither ihr Andenken und machen eine Dichtung zugänglich, die lange im Verborgenen entstanden war.

Form und Ton

Ihre frühen Gedichte waren noch gereimt und an traditionellen Strophenformen orientiert; im Spätwerk wandte sie sich einer knappen, reimlosen freien Form zu, die der modernen Lyrik nahesteht. Wiederkehrende Motive sind das Wort, der Atem, die Erinnerung und die verlorene Heimat. In wenigen, genau gesetzten Zeilen verbindet Rose Ausländer persönliche Erfahrung und allgemeine Reflexion — eine Klarheit, die ihre Verse leicht zugänglich und zugleich vielschichtig macht.

Sprache als Heimat

Rose Ausländers Dichtung kreist um einen einzigen, immer neu gewendeten Gedanken: dass der Mensch, der Land, Stadt und Vergangenheit verloren hat, in der Sprache wohnen kann. Damit gehört sie, gemeinsam mit Autoren wie Anna Seghers, zu jenen Stimmen, die das Exil des 20. Jahrhunderts in bleibende Literatur verwandelt haben. Ihre Bukowina ist versunken — ihr «Mutterland Wort» ist geblieben.

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